Kälbchen im Tarnanzug

„Abteilung, stillgestanden!“  – „Im Gleichschritt, marsch!“ Der Oberfeldwebel brüllt sehr laut.  Seine Soldaten gehorchen ihm sonst nämlich nicht, glaubt er. Doch sein Gebrüll nützt nichts – denn: „Da liegt eine Kuh im Weg.“ Und die Kuh bekommt auch noch ein Kälbchen, mitten auf dem Truppenübungsplatz. Das Kälbchen ist entzückend und die Soldat:innen kümmern sich liebevoll um Kuhmutter und Kind. Sogar der Oberfeldwebel ist gerührt und brüllt nicht mehr so schrecklich laut. Es gibt Wichtigeres, als zu exerzieren. Eine zutiefst pazifistische Geschichte, urkomisch illustriert von Volker Fredrich.

Wie ein Krokodil zur Arbeit geht

Dies ist ein Bilder-Buch im wahrsten Sinne des Wortes. Denn es kommt ganz ohne Text aus. Dafür ziehen dich die fein gezeichneten und kolorierten Bilder schnell in ihren Bann. Ein Krokodil träumt vom Urlaub unter Palmen, doch dann klingelt der Wecker und du machst dich mit dem grünen Gesellen auf den Weg durch eine bunte, wildbewegte italienische Großstadt. Fährst mit ihm U-Bahn, kaufst mit ihm Blumen und Brathähnchen, und am Ende erfährst du auch, wo es arbeitet. Eine wunderbare Bildergeschichte für alle Altersstufen, so realistisch und unaufgeregt erzählt, dass du ab heute auf der Straße überall Krokodile siehst!

Lizenz zum Krachmachen

Wie hört es sich an, wenn Spinne Klavier spielt oder ein Felsbrocken den Berg herunterrollt? Wie klingt ein Tornado und wie schnarcht der braune Bär? Benjamin Gottwalds Buch „Spinne spielt Klavier“, ausgezeichnet mit dem Hamburger Bilderbuchpreis, erzählt keine Geschichte im herkömmlichen Sinn. Stattdessen ist das gesamte Buch eine Aufforderung zum Geräuschemachen. Jedes von Gottwalds großflächigen, kräftigen Bildern trägt seinen eigenen Sound in sich, und oft macht man unwillkürlich gleich selbst das passende Geräusch. Und so steht es auch in der kurzen Einleitung, die den Bildern vorangeht und die wir wegen ihrer Schönheit einfach komplett zitieren: „Hör dir dieses Buch mal an! / Kannst du hören, was du siehst? / Es pufft und klappert / und quietscht und knackt / und knistert und kracht / und knallt und quakt /  und wispert und schellt /  und krächzt und bumst / und ballert und bimmelt / und raschelt und raucht /und donnert und knurrt /und pfeift und johlt /und japst und klickt / und röhrt und miaut. / Beispielsweise.”
Das schöne, dicke, schwere, nicht zu große Buch ist mit seinem griffigen Papier und den satten Farben ein echter Hand- und Augenschmeichler. Für Kinder ist es ein Riesenspaß, denn sie haben hier endlich mal die Lizenz zum Krachmachen, die sie im Alltag so oft vermissen. Und für Eltern und Pädagog:innen hat Gottwald mit “Spinne spielt Klavier” einen neuen Klassiker für Kita und Vorschule geschaffen, der für unzählige kreative Spaß- und Lernstunden geeignet ist. Denn Spracherwerb, das weiß ja jeder, geht auch über die Ohren. Zu wissen, wie etwas klingt, und es mit Worten und Geräuschen ausdrücken zu können, ist eine wichtige Kompetenz, die jedes Kind erwerben sollte. Wie gut, dass es dafür jetzt dieses Buch gibt! Ton ab!

Imker-Crashkurs für Zottelpelze

Spätestens seit Pu dem Bären ist weltbekannt, dass Bären auf Honig stehen. Der Bär in diesem Buch treibt seine Honigliebe aber noch ein Stück weiter als Pu und wird gleich selbst zum Imker. Dass das nicht so einfach ist, weiß nicht nur die schlaue Möwe, die ihm dabei über die pelzige Schulter schaut. Denn  die  Bienen müssen eingefangen werden, und dann brauchen sie einen Namen und ein Haus und Gutenachtgeschichten und ab und zu einen schönen Blumenstrauß, und die Königin braucht natürlich eine Krone aus Glanzpapier. Doch all das schreckt unseren Bären nicht ab, denn am Ende winkt die Belohnung in Form von vielen, vielen Honiggläsern.
Natürlich ist das alles ein Riesenquatsch (bis auf den Honig), aber sehr lustig ausgedacht, gezeichnet und erzählt. Kinder, die schon ein bisschen Ahnung vom Leben der Bienen haben (weil sie zum Beispiel Piotr Sochas fantastisches Bienenbuch gelesen haben), werden ihren Spaß daran haben, die Fakten hier mal ein bisschen geradezurücken. Wer noch nicht so viel weiß, kann sich an dem sehr sympathischen Bären erfreuen und bekommt vielleicht sogar Lust, mehr  über diese faszinierenden Tiere zu erfahren. Dazu finden sich auf den Vorsatzpapieren des Buches noch einige „honigsüße Fun Facts“ über Bienen.

Schläft ein Po in allen Dingen

Pos, Pos überall Pos: Ein Papa und sein Sohn laufen zur Schule und stellen fest: Jeder und fast alles hat einen Po. Der Bagger und die Schafe, die Vogelscheuche und der T-Rex. Das ist zunächst nicht so aufregend*. Aber spätestens ab der dritten oder vierten Doppelseite erliegst du dem absoluten Charme dieses Buches. Da ist die Sprache: Der gesamte Text besteht aus gereimten Fragen (Sohn) und Antworten (Papa), bewundernswert gut übersetzt von Hans-Christian Schmidt: „Hat der Ochsenfrosch nen Po? / Ja, es ist ein braun gefleckter. – / Haben Barsche einen Po? / Schau, in ihrem Namen steckt er. (…). Seite um Seite entspinnt sich dieses philosophische Gespräch und man fühlt sich fast ins antike Athen zurückversetzt, wo schon Aristoteles seine Schüler im Gehen unterwies – zumindest der Legende nach. So wird jedes Schaufenster, jedes Plakat auf diesem langen Schulweg ein Sprech- und Frageanlass, wird die Welt wahrgenommen und gemeinschaftlich in Poesie verwandelt. Dem zu folgen, ist ein großer Genuss. Doch die  eigentlichen, stillen Stars sind die Illustrationen von K-Fai Steele, die auf den ersten Blick einfach nur lässig hingetuscht wirken, aber dann doch in ihren Details und ihrem Witz eine so reiche Bildebene schaffen, wie es im Bilderbuch selten ist. Das San Francisco, in dem die beiden unterwegs sind, ist eine Stadt von Menschen verschiedenster Hautfarben, die alle zu Fuß gehen: ein friedliches Miteinander von Hipstern, Punks und jungen Muttis, die Häuser geschmückt mit Regenbogenflaggen, Peace-Symbolen und „Black Lives Matter“-Plakaten. Das wirkt gar nicht US-amerikanisch, sondern erinnert  eher an die linken Kinderbücher der 1980er Jahre oder an Jutta Bauers fein beobachtete Großstadtszenerien. Und überall in diesem fröhlichen urbanen Mikrokosmos gibt es … Pos! Einmal visuell drauf angespitzt, siehst du an jedem Menschen, an jedem Fisch und Vogel, ja sogar am Mülleimer oder der Golden Gate Bridge zuallererst und dann immer und überall  … einen Po. Oder zwei. Quietschvergnügt philosophisch ist das, und  am Ende siehst du die Pos dieser Welt mit völlig neuen Augen und hast ganz nebenbei gelernt, dass eine schräge Frage, wenn du dich nur drauf einlässt, deine Perspektive für immer verändern kann. Und wenn das schon für Pos gilt, was ist dann mit den wirklich wichtigen Dingen im Leben? Eben.

*In Byram, Mississippi verlor kürzlich ein Lehrer seinen Job, weil er seinen Schüler:innen ein anderes Po-Buch („I need A New Butt“ von Dawn McMillan) vorlas. Nacktheit ist für viele Konservative in den USA tabu und Bücher werden reihenweise aussortiert. Aber wer sich jetzt schon Sorgen macht: Die Hosen in unserem Buch bleiben die ganze Zeit an!

Ich so du so

Die unterschiedlichsten Charaktere der Tierwelt werden mittels liebevoll geschriebener Verse auf jeweils einer Doppelseite gegenübergestellt. Obwohl sich manche Tiere womöglich ähneln, können sie doch ganz unterschiedlich sein. Damit können Kinder Assoziationen mit sich selbst oder anderen Menschen machen und sie lernen zudem noch etwas über die unterschiedlichen Charaktere der Tierwelt. Die collagenartigen Zeichnungen sind pointiert, so dass direkt beim Betrachten der Bilder das Wesen der Tiere deutlich wird.
Die Reime sind toll übersetzt, sie ziehen wie die Illustrationen direkt den Bann und können dazu führen, dass die Kinder ihre Gedanken zu den Bildern oder Texten kommunizieren.

Die können nicht nur Opel fahren

Popel sind gar nicht eklig! Sie können uns vor Viren und Bakterien schützen, die schleimige Masse hat quasi Superkräfte. Das lernen wir in diesem witzig und anschaulich illustriertem Bilderbuch genauso wie alles über die Bestandteile und das Zuhause von Popeln und Nasenschleim, Niesgeräusche aus aller Welt, Schnodder bei Tieren und gerade sehr wichtig: Wie man sich hygienisch schnäuzt, sich und andere vor Tröpfcheninfektionen schützen kann und Schniefnasen behandelt. Am Ende des Buches gibt es noch ein Quiz mit Popelwissen und ein paar Fakten: Wusstet Ihr z. B., das wir täglich einen Liter Schleim schlucken …?

Einer Geschichte vom Wachsen und Ankommen

Ein unbekannter Ort und eine fremde Sprache: Das sind die beiden großen Herausforderungen, die Mina beim Eintritt in den Kindergarten bewältigen muss. Grau und farblos erscheinen ihr die meisten Dinge am Anfang und die Worte der Erzieherin erreichen sie nicht. Aber schon bald beginnt Mina, sich in der neuen Welt zurechtzufinden und an jeden Tag kommt ein bisschen mehr Farbe in ihre neue Welt. Sandra Niebuhr-Sieberts Text beschreibt Minas Entwicklung sensibel und konsequent aus Sicht des kleinen Mädchens; Lars Baus’  einfühlsame Illustrationen und die sehr schöne Einbandgestaltung machen Minas Geschichte zu etwas ganz Besonderem. Ein Buch, das man sehr gern ein zweites oder auch drittes Mal in die Hand nimmt und das alle Kita-Pädagog_innen und auch alle Eltern von Kita-Kindern lesen sollten.