Nachdenken über Kunst

Ein Mädchen in gelber Kapuzenjacke besucht mit ihrer Klasse ein großes Kunstmuseum und macht sich Gedanken. Und wir als Leser:innen begleiten sie dabei. Sie geht von Raum zu Raum, von Bild zu Bild, manchmal geht sie auch für kurze Zeit verloren – und stellt sich dabei viele Fragen. Wer sind die Menschen auf den Bildern, welche Geschichten werden hier erzählt, und wer hat diese Bilder und Statuen überhaupt gemacht, und wie? Direkte Antworten gibt der Text von Susanna Mattiangeli nicht. Aber die kräftigen Buntstift-Illustrationen von Vessela Nikolova zeigen uns so viel Kunst, von antiken Statuen bis hin zu Bildern der Gegenwart, dass man dieses Buch problemlos als einen Gang durch die abendländische Kunstgeschichte nutzen kann, auf dem man auch einzelne berühmte Werke klar erkennt. Darüber hinaus zeigen die Bilder auch den ganz realistischen Betrieb in einem zeitgenössischen Kunstmuseum, vom Anstehen an der Kasse bis zum abschließenden Besuch im Museumsshop. Ein Buch, das Kinder neugierig auf das Erlebnisfeld Museum macht – und auf die große Kunst!

Von der Béchamelsoße ins Physalisheckenlabyrinth

Eine Premiere: Hier werden jetzt zwei Bücher zugleich besprochen. Und das hat seinen Grund. Der Berliner Comiczeichner Mawil nimmt in den beiden gleichzeitig erschienenen Biderbüchern die klischeebeladenen, rosa bzw. hellblau gestalteten Bücher “für Mädchen”, bzw. “für Jungs” aufs Korn und dreht die vorherrschenden Stereotypen einfach um. Und das mit so viel Freude und voller witziger Ideen, dass auch die vorlesenden Eltern ihren Spaß haben werden am ordentlichen Bauarbeiter Bruno, der Smoothies liebt und an der Prinzessinnencrew mit ihren Motorrädern und ihrer geheimen Werkstatt. Gleichzeitig werden auch noch die vielen auf dem Markt erhältlichen langweiligen Buchstabierbücher vergackeiert. Im Prinzessinnen-Buch spielt der Buchstabe P wie Phasenprüfer eine große Rolle, beim Bauarbeiter-Buch natürlich das B wie Babyphone.

 

 

 

 

Briefe schreiben macht Spaß

Die Oma von Annika und Simon wohnt sehr weit weg. Sie vermissen sie und beschließen, ihr zu schreiben. Und zwar keine E-Mail, sondern einen richtigen Brief. Denn das ist noch viel schöner: Einen Brief zu schreiben und zu malen. Dann kommt er in einen großen roten Umschlag, wird zum Postamt gebracht und dort mit einer schönen, selbst ausgesuchten Briefmarke versehen und im Postamt abgegeben. Von dort geht er auf Reisen, auch mit dem Flugzeug, denn Oma wohnt in Amerika. Wir können den Weg des Briefes von Annikas und Simons Tisch bis zur Haustür der Oma mitverfolgen. Die backt gerade einen Apple Pie und wir erfahren: Einen Brief zu bekommen ist noch schöner, als einen zu schreiben! Omas Welt und die der Kinder sind sich auf einmal sehr nah, was auch der zweisprchige Text auf Deutsch und Englisch noch einmal unterstreicht. Als süße Zugabe gibt es auch noch Omas Apple Pie-Rezept in beiden Sprachen.

 

 

 

 

 

Hoonk! Galaktischer Probeflug mit Hindernissen

Im All ist es generell schon ziemlich dunkel. Richtig finster wird es aber, wenn du an Bord eines Raumschiffes mit Unsichtbarkeitsmodus sitzt und die zuständige Offizierin sich nicht erinnern kann, wo der Aus-Schalter sitzt.

Dies ist das Eröffnungs-Szenario von „Das unsichtbare Raumschiff”. Was folgt, ist ein saukomisches Weltraumdrama voller Slapstick, skurrilen Dialogen und hochgewürgten Haarbällen.

Mit ihren „Kiste“-Comics hatten Patrick Wirbeleit und Uwe Heidschötter die Messlatte für intelligente und charmante Kindercomics schon ziemlich hoch gehängt. „Das unsichtbare Raumschiff“ (Heimatbasis: Kibitz Verlag, Hamburg, Erde) katapultiert die beiden nun, mit Andy Matthews aus England als Drittem Offizier, in eine neue erzählerische Galaxie. Denn diese Bildgeschichte kommt – Invisibility! Was soll man machen?! – fast vollständig ohne Bilder aus. Die Handlung wird zu 90% über Sprechblasen und Lautmalerei erzählt, der Rest der Panels bleibt so dunkelschwarz wie der Kontrollraum an Bord der Invisibility 2. Beziehungsweise der Aufzug. Oder die Kantine. Oder auch der Videoschirm, auf dem ein galaktischer Erzbösewicht Todesdrohungen ausstößt.

Ein Comic als Hörspiel zum Lesen also? Klingt schräg, funktioniert aber, im Gegensatz zum Raumschiff, total gut. Denn die drei Autoren docken mühelos bei den großen Meisterwerken der komischen Science-Fiction an, als da wären „Per Anhalter durch die Galaxis“, „Star Wars“ und natürlich der lustigste Space-Desaster-Film aller Zeiten: „Galaxy Quest“. Sie wissen also, wie Kommunikation an Bord eines Raumschiffes funktioniert. Und was im Weltraum alles schiefgehen kann. 

80 Seiten lang tapsen Käpten Bück und seine drei Besatzungsmitglieder (Offizierin Suki, Leutnant Bot und Maschinist Honk) in völliger Finsternis durch ihr brandneues Schiff und versuchen, den Unsichtbarkeitsmodus wieder auszuschalten. Und du tapst mit, trittst ihnen gelegentlich fast auf die Füße und lernst sie nach und nach richtig gut kennen. Okay, irgendwann wird klar, dass die vier nicht gerade die hellsten Sterne im Quadranten sind. Aber sie sind eine absolut liebenswerte Gurkentruppe und einer von ihnen (wer, wird nicht verraten) findet nach vielen dramatischen Wendungen (welche, wird nicht verraten) und viel „Uuuuuhhm”, „Honk!“ und „Wobwobwobwob“ einen Lichtschalter (wo, wird auch nicht verraten). So endet dieser Comic dann doch noch in Farbe. Eigentlich, denkst du jetzt, braucht man sie gar nicht unbedingt. Und dann denkst du: Wann kommt endlich die Fortsetzung?

Ein Katzentatzentanz

Die Katze Mia Miau ist Tangosängerin in Argentinien. Abends musiziert sie zusammen mit der Zikade Annabella und deren Bandoneon in Buenos Aires.Tagsüber arbeitet sie in einem Blumenladen. Nachdem Annabella geheiratet hat, zieht sie weit weg und hat nicht mehr viel Zeit für Mia Miau. Die ist darüber sehr traurig und fühlt sich einsam. Der Mond schenkt ihr eine funkelnde Kette, die eine schöne Melodie spielt, wenn man den Anhänger öffnet. Die selbe Melodie hört die Katze vom Gitarrenspieler Pedro, der diese ebenfalls vom Mond erhielt. Sie werden ein Paar und sind sehr glücklich miteinander. Ein schön illustriertes Märchen, das schon kleineren Kinder viel über die Dramatik eines Tangos nahe bringen kann.

Wie man eine Geschichte schreibt

Immer wieder kommt der Frankfurter Moritz Verlag mit einem Buch um die Ecke, das nicht ins gängige Schema passt. Eins, wo sich die Buchhändlerin kurz am Kopf kratzt und überlegt, in welches Regal sie es sortieren soll – und gleichzeitig eins, das echte Bücher-Freund:innen vor Freude in die Hände klatschen lässt.

Die kluge Buchhändlerin kauft gleich drei Partien von diesem Titel: Eine für die Kinderbuchecke, eine fürs Pädagogikregal und eine für den Belletristik-Novitätentisch. Los wird sie sie alle. Denn  „Ein Elefant macht Handstand“ – und hier werden wir endlich inhaltlich – gibt auf all diesen Ebenen Gas. Es ist ein kurzes Buch mit großer, zweifarbiger Schrift und vielen sinnig-spaßigen Illustrationen von der Hamburger Illustratorin Kerstin Meyer. Sicherlich nicht zufällig entspricht es in Format und Ausstattung den gängigen Erstlesebüchern (nur schöner!). Tatsächlich eignet es sich hervorragend zum dialogischen Lesen, denn der Text ist ein durchgehender sokratischer Dialog zwischen Schriftstellervater Markus Orths und seiner siebenjährigen Tochter Lola, die im Verlauf des Gesprächs selbst zur Schriftstellerin wird. Gedanklich geht der Text deutlich über das gängige Erstleserniveau hinaus, bleibt aber dennoch für Kinder ab sechs Jahren absolut zugänglich. Was mit der Frage „Sag mal, wie schreibe ich denn eine Geschichte?” beginnt, wird zu einer praktischen Übung im Fabulieren, in der Herzchenpapageien und eklige Löwen eine nicht unbedeutende Rolle spielen und in der du ganz lässig lernst, wie eine Geschichte entsteht und wie du sie mit einer Pointe („Po-Ente“) krönst. Und schön ist, dass Papa und Tochter hier ganz auf Augen- und Ohrenhöhe miteinander sprechen.

Also, liebe Deutschlehrer:innen, liebe Kunstlehrer:innen (denn die Illustrationen zum Text sind auch das Studieren wert); liebe Creative-Writing-Coaches, liebe Fans des dialogischen Lesens und liebe alle, die ihr schon immer einen erzählerischen Handstand machen wolltet: kauft, lest, verschenkt dieses Buch. Und schreibt dann selbst eins! 

Hinterm Kaiserzipf geht’s weiter

Bunt und knallig wir Ihr Leben wird die abenteuerliche Biographie der österreichischen Forscherin Ida Pfeiffer (1797 – 1858) erzählt. Sie lebt in einer Zeit, als Mädchen noch für ein Leben als Mutter und Hausfrau erzogen wurden, aber in ihrem dritten Lebensabschnitt verwirklicht sie endlich ihre Träume und wird eine der ersten weiblichen Weltreisenden und erlebt große Abenteuer. Außerordentlich an diesem Buch finde ich, dass es der Autorin und Illustratiorin Linda Schwalbe gelingt, in wenigen und einfachen Worten und prägnanten Bilden das Leben der Forscherin schon für Vorschulkinder erlebbar zu machen und gleichzeitig bei Erwachsenen das Interesse an dieser unkonventionellen Dame und ihrer Zeit zu wecken.