“Wir sehen uns in der Grube!”

Nach der Lektüre dieses Buches wird es zumindest im Archäologiebusiness keinen Fachkräftemangel mehr geben, zumal noch viele Rätsel der Weltgeschichte zu lösen sind. Äußerst interessant und vielseitig beschreibt die Autorin ihren sagenumwobenen Beruf und räumt gleich mit einigen Mythen auf. Kinder erfahren, was Archäolog:innen eigentlich genau machen. Das ist sehr vielfältig, hat wenig mit Indiana Jones, Lara Croft oder Dinosaurierknochen zu tun. Vielmehr ist es häufig langwierige, anstrengende Arbeit, die aber sehr befriedigend sein kann, wenn etwas Wichtiges entdeckt wird. Alle Fragen werden beantwortet: Wie wird man Archäolog:in? Was gehört zur Ausrüstung? Welche wissenschaftlichen Techniken werden angewandt? Welche großartigen Entdeckungen machten Archäolog:innen, oft auch durch puren Zufall? Mit welchen Legenden räumen sie durch ihre Entdeckungen auf? Wie sah der Alltag der Menschen in der Vergangenheit aus, über die es keine Aufzeichnungen gibt? Und in welchen Museen kann man sich die Ausgrabungen ob sie nun rechtmäßig dort hingehören oder nicht, ansehen?

Von Palumbien nach Berlin

Anfang des 19. Jahrhunderts: Der große Naturforscher Alexander von Humboldt entdeckt auf seiner Südamerika-Reise das Marsupilami. Er nimmt es mit vielen anderen Entdeckungen, z. B. einer Mumie mit nach Berlin. Diese Mumie sorgt offenbar dafür, dass das schwarz-gelb gefleckte Tier auch 130 Jahre später noch quicklebendig ist, als das Mädchen Mimmi eine der dort immer noch herumstehenden Kisten des großen Naturforschers öffnet. Damit beginnt für das Wesen nicht nur ein Abenteuer im Berlin während der Weimarer Republik führt, sondern auch eine unvergessliche Freundschaft. Das Marsupilami mischt die Hauptstadt ganz schön auf uns trifft mit seiner krawalligen Energie immer die Richtigen mit seinen Schlägen, in diesem Fall nervige Kinder, bigotte Nachbarinnen und vor allem die in Berlin immer massiver auftretenden Nazis. Doch das “Humboldt-Tier”, wie es sein Entdecker nannte, hat Heimweh nach seinem Dschungel und möchte mit seinen drei noch nicht geschlüpften Babys zurück. Schade, wenn er in Berlin geblieben wäre, hätte er der Welt vermutlich einiges erspart. Flix schafft es wie schon in “Spirou in Berlin”, André Franquins Klassiker zu würdigen und dennoch seinen ganz eigenen Stil beizubehalten.

 

 

Fähnlein Fieselschweif 2.0

In sieben Geschichten wird von Flo erzählt, der zu den Pfadfindern kommt. Zunächst ist er ziemlich verpeilt und findet nicht mal den Weg zur Gruppe. Aber bald lernt er die Gebräuche und vor allem die Abenteuer der Pfadfinder kennen. Er findet neue Freunde und darf so sein, wie er ist. Durch seine sympathische Art kann Flo als Identifikationsfigur für Kinder gelten, die eigentlich gerne mal zu den Pfadfindern gehen möchten, sich aber nicht so richtig trauen. Im Anhang des Comics gibt es noch ein paar Fakten über das Pfadfinderleben in Deutschland.
 

Zeitlos

Der englische Gentleman Phileas Fogg und sein neuer Kammerdiener versuchen, nach einer Wetteum 20.000 Pfund  im Reform Club, die Erde in nur 80 Tagen zu unrunden, was im 19. Jahrhundert eigentlich unmöglich war. Aber es ist ja ein Roman, daher schaffen es die beiden, gerade noch rechtzeitig wieder zurück in London einzutreffen. Teilweise werden sie getrennt voneinander, bestehen viele Abenteuer in allen Kontinenten, werden irgendwann von einer Inderin begleitet und stetig von einem englischen Beamten verfolgt, der Fogg für einen Dieb hält. Die Zeichnungen erinnern an alte Stiche, passen sehr gut zu der Geschichte, die zu Beginn des Zeitalters der großen Entwicklungen wie der Eisenbahn oder Dampfschiffen spielt, die solche Reisen erst möglich machten. Es ist erstaunlich, wie gut diese Geschichte obgleichso verdichtet wie in der vorliegenden Graphic Novel, auch heute noch funktioniert. Cool, spannend und ein bisschen romantisch.

Von Mendel bis Corona

Eines der Sachbücher, die Kindern komplizierte Sachverhalte verständlich und anschaulich erklären. Die Ärztin beginnt bei den Vererbungsversuchen des Mönchs Gregor Mendel im Jahr 1856, die allen ab ca. 13 Jahren aus dem Biologieunterricht bekannt sein dürften. Dabei wird gezeigt, was Gentechnik ist und welche großen Potentiale aber auch Gefahren in ihr schlummern. Warum ähneln Kinder ihren Eltern oder Geschwistern? Wieso können Haar- oder Augenfarbe bei uns so unterschiedlich sein? Dieses Buch erklärt, wie Vererbung funktioniert, welche Rolle dabei die Gene spielen und was die DNA ist. Eine spannende Reise durch die Wissenschaftsgeschichte, die aktuelle Genforschung und -technik, bis hin zur Frage nach unserer eigenen Identität, denn viel von unserer Persönlichkeit ist schon in unseren Genen angelegt.

Vom Urknall zur Utopie

Zunächst wird erklärt, wie Erdöl ensteht, wie es überhaupt entdeckt wurde, wie vielseitig es ist und worin der Rohstoff inzwischen überall enthalten ist. Es steckt in Kontaktlinsen,Medizin, in Farben, in Spielzeug, in Verpackungen, in Straßen oder in unseren Handys, wir verbrauchen es zum Heizen, zum Fliegen oder zum Autofahren – der fossile Rohstoff Erdöl ist allgegenwärtig. Doch dessen Gewinnung und Verarbeitung sind alles andere als umwelt- und klimafreundlich. Nach der Darstellung von Vergangenheit und Gegenwart wird der Blick optimistisch auf die Zukunft gerichtet und dargestellt, wie eine Welt ohne Erdöl aussehen könnte. Es gibt Ideen und Alternativen, die konsequent umgesetzt unsere Erde noch für viele Generationen lebenswert bleiben lassen. Ein Glossar zum Nachschlagen der wichtigsten Hintergründe und Fakten rundet das umfangreiche, akribisch recherchierte und äußerst verständliche Buch ab. Zudem ist es umweltfreundlich (from cradle to cradle – wer nicht weiß, was das ist, findet die Antwort im Buch) hergestellt. Fantastisch, dass das Buch als Wimmelbuch gestaltet ist und es auf den einzelnen Illustrationen wahnsinnig viel zu entdecken gibt. Das macht das Buch auch für jüngere Kinder interessant, die Fakten- und Informationsdichte hingegen sorgt vermutlich  sogar bei Erwachsenen für neue Erkenntnisse.

Hanna ist platt

Hanna hat sich schon auf den Ausflug mit ihren Eltern zum Hamburger Dom gefreut, aber vorher wollen diese sich noch in der Hamburger Neustadt umsehen. Das findet Hanna sterbenslangweilig. Doch als die Brunnenfigur Hans Hummel, der Wasserträger, lebendig wird und mit Hanna einen ganz besonderen Stadtrundgang durch die Neustadt und durch die Zeit unternimmt, wird Geschichte plötzlich ganz spannend. Sie lernt u. a. die Zitronenjette; den Komponisten Georg Philipp Telemann; Ludwig Wolf, einen der Schöpfer des Liedes “Jung mit ‘n Tüdelband” und Karl den Großen kennen, sowie Gebäude und Orte in dem Hamburger Stadtteil. Im Anhang erfahren wir Eckdaten zu den vorgestellten Menschen und Orten. Durch Fotos und einen Plan von Hannas Route kann der Rundgang leicht nachspaziert werden. Auch als alteingesessene Hamburgerin habe ich noch was dazu gelernt und werde mich bald mal auf Hannas Spuren begeben. Vielleicht begleitet mich Hans Hummel ja auch.

Der Text findet sich im Buch ist sowohl auf plattdeutsch als auch auf hochdeutsch. Schön ist, dass auch im hochdeutschen Text einige Wörter im typischen Hamburger Dialekt vorkommen und damit zu erfahren ist, wie sehr das Plattdeutsche die heutige Umgangssprache noch beeinflusst. Auch hierzu findet sich ein kleines Wörterbuch im Anhang.

Drei Tiere und ein Baby

Nachdem der Storch sich verletzt hat, beauftragt er das recht einfältige Kaninchen und die ebenso binäre Ente, ein Baby zu dessen Eltern nach Avignon zu bringen. Ihr Kumpel, das reizbare Schwein, gesellt sich noch zu ihnen. Aber wo ist eigentlich Avignon? Den Zettel mit der genauen Adresse haben die drei sofort verloren. Auch die restliche Mission gestaltet sich schwierig. Babys haben Hunger, volle Windeln, doch für alles gibt es eine Lösung. Auch wenn man dabei zuweilen Federn, bzw. Fell oder Schwarte lassen muss. Spoiler: Das Baby kommt unversehrt in Avignon an! Eine sehr rasante, witzige Story mit einem klitzekleinen Manko: Das Buch ist ein ganz schöner Klopper mit seinen fast 300 Seiten. Dennoch hätte ich mir bisweilen ein größeres Format als A 5 gewünscht, um die tollen, detailreichen Illustrationen noch besser betrachten zu können.

Ganz schön was los in Duderstedt

Zehn Tage Sommerferien bei der schrulligen Oma in Duderstedt –  für den zwölfjährigen Bene immer noch akzeptabler, als mit Mama und ihrem schleimigen neuen Freund nach Schweden zu fahren. Zum Glück lernt er schon im Zug von Hannover Mia kennen, die Zöpfe trägt wie Greta Thunberg und mit ihrem weißen Kaninchen reist. Als sich herausstellt, dass Mia, ihr Quasselbruder Ole und ihre vielen Haustiere direkt neben Omas Haus wohnen, ist Benes Sommer gerettet. Doch was will der aufgeblasene Herr von Finkelstein so oft in Omas Wohnung? Stammt das Gewinsel, das Mia aus einem schwarzen SUV gehört hat, von illegal gehandelten Hundewelpen? Was sind das für Briefe, die Oma auf dem Balkon zerreißt? Und was ist mit dem weißen Pulver, das bei dem neuen Nachbarn auf dem Küchentisch verstreut ist?

„Die Spur zum neunten Tag“ ist ein sehr feiner Kinder-Sommer-Krimi, temporeich und komisch erzählt. Und da dieses Buch von Andrea Schomburg ist, verfügt es über ein herrlich schräges erwachsenes Personal und großartige Details wie Teppichfransenkämme, Goldfische in senfgelben Badewannen und einen Schalter, mit dem man den Lauf der Welt verändern kann. Am Ende fügen sich die Puzzleteile dieses Sommers für Bene zu einem ganz überraschenden neuen Bild zusammen.

Relativ genial

Warum gab es solche tollen Sachbücher noch nicht in meiner Lichtjahre zurückliegenden Kindheit? Dann hätte ich damals die Relativitätstheorie und alles, was damit zu tun hat, vielleicht verstanden und würde heute im CERN oder so arbeiten und nicht in einer Bibliothek und keine Kinderbuchrezensionen schreiben. Der große Erkenntnisgewinn dieses Buches wird maßgeblich unterstützt durch die anschaulichen Illustrationen, die zum Besipiel Albert Einsteins lustige Experimente darstellen, mit denen er zu vielen Fragen und dann zu Antworten kam, die ihm 1921 zu Recht den Nobelpreis für Physik einbrachten. Viele seiner Erkenntnisse helfen der Wisenschaft bis heute, obwohl sie schon über 100 Jahre als sind. Neben seiner Arbeit wird auch das Phänomen Albert Einstein beschrieben, der übrigens ein schlechter Schüler war.

Die Evolution des Mensch

Ein erstes Sachbuch für Kinder, das versucht, die komplexe Entwicklung vom Primaten zum Menschen von heute zu beschreiben, ohne auf wissenschaftliche Genauigkeit zu verzichten. Das ist am Anfang des Buches, an dem die anatomische Entwicklung des Menschen beschrieben wird, ganz schön kompliziert, doch durch die anschaulichen und gleichzeitig stimmungsvollen Illustrationen wird’s dann deutlich. Im zweiten Teil untersucht das Buch, wie sich unsere Kultur und Lebensweise entwickelt hat, von der Nahrungssuche und -zubereitung, dem Handel, der Gründung von Siedlungen, dem Gesundheitswesen, Haustieren, bis zur Kunst, Religion, Sprache und Schrift. Dabei staunt man, was alles schon vor vielen tausend Jahren ähnlich funktionierte wie heute. Am Ende gibt es noch einen Ausblick, wie es mit der Evolution des Menschen weitergehen könnte, den abgeschlossen ist so ein Vorgang nie. Für Kinder und deren Erwachsene und toll, um über die einzelnen Aspekte der Evolution gemeinsam weiter nachzudenken.

Keine Zeit für Kreuzworträtsel

Oddleigh ist eine kleine Stadt in England, in der, wie der Name schon sagt, merkwürdige Dinge vor sich gehen. Glücklicherweise sorgen die Inspektorin Jessie und Seargant Sid für Recht und Ordnung. Fünf verschiedene Kriminalfälle mit tierischen Protagonist*innen in bester Miss Marple Manier bereiten uns Gänsehaut und Stirnrunzeln. Die Leser*innen können mitraten, um die Fälle zu lösen. Im Anhang werden jede Menge Informationen zu den Fällen bereit gehalten, darüber hinaus findet man dort das Kreuzworträtsel, das Jessie und Sid aus Zeitmangel während ihres ausregenden Jobs nicht lösen können sowie Gedichte und Beweismaterial. An diesen Geschichten finden  sowohl Kinder als auch Erwachsene ihren Spaß, spart Tor Freeman doch nicht mit Anspielungen zu bereits toten oder lebenden Personen und Ereignissen.

Der erste Kuss – von einem Geist

Die Zwillinge Stig und Tilde müssen wie ihre Eltern und Großeltern mit 14 Jahren einen Monat lang allein auf einer einsamen Insel leben. Das klingt nach Abenteuer und Freiheit. Doch in Dunkelheit und Regen verirren sie sich und landen mit leckgeschlagenem Boot auf der falschen Insel, auf der sie merkwürdige geschnitzte Holzköpfe entdecken. Ist die Insel bewohnt? Während Stig sich um die Reparatur des Bootes kümmert, erkundet Tilde die Inseln und tatsächlich, sie trifft auf den Jungen Arne, der sich über ihre Gesellschaft freut, da er sonst nur seine Holzköpfe hat. Doch bald will er Tilde nicht mehr weglassen und ziemlich unheimliche Sachen kann er auch …

Eine ziemlich aufregende Geschichte, die durch die an Hergés Ligne Claire erinnernde Zeichenstil eine ganz besonders fesselnde und nachvollziehbare Atmosphäre schafft. Und die Jungs und Mädchen gleichermaßen begeistern wird.
 

Hokuspokus als Krisenmanager

Die französische Illustratorin Pénélope Bagieu verwandelt Roald Dahls Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1983 in eine Comic-Adaption, die noch anarchistischer erscheint als das Original. Ein Junge wächst bei seine exzentrischen Oma auf, nachdem seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Als die beiden in einem Hotel am Meer Urlaub machen, findet dort gleichzeitig das “jährliche Treffen der Königlichen Gesellschaft zur Verhinderung von Kindesmisshandlungen” statt, was in Wirklichkeit aber ein Hexentreffen ist mit dem Plan der Hoch- und Großmeister-Hexe, alle Kinder des Königreichs mittels eines Zaubertranks zu vernichten. An einem Mädchen, die ebenfalls Gast im Hotel ist, wird der Trank getestet und sie verwandelt sich in eine Maus. Die Hexen entdecken den Jungen und er wird ebenfalls in einen kleinen Nager verwandelt. Die Kinder behalten aber ihren menschlichen Verstand und die Sprache. Sie schaffen es, den Trank zu stehlen und ihn in die Suppe fürs Hexendinner zu schütten. Die Hexen werden in Mäuse verwandelt und vom Hotelpersonal erschlagen Was mich besonders beeindruckt hat: Die KInder bleiben Mäuse und werden als solche ganz normal von ihren Angehörigen behandelt, kein Wehklagen, keine Panik. Die Betroffenen stellen sich völlig schnell und pragmatisch auf die neue Situation ein und profitieren sogar von ihr. Passt gerade ganz gut.

 

Jetzt wird’s laut: Das besondere Sachbuch für Vorleser

Lesen ist toll, aber Vorlesen ist manchmal fast noch besser! Dieses Buch versammelt 44 “Vorlesetipps vom Profi für alle von 9 bis 99”. Ein All-ager also? Tatsächlich ist das durchgehend illustrierte und locker layoutete Buch nicht nur für Kids interessant, die sich z.B. auf den bundesweiten Vorlesewettbewerb der sechsten Klassen vorbereiten (die erste Phase läuft zurzeit), sondern es enthält auch sehr nützliche Anregungen für ältere Semester.

Die Hamburger Kinderbuchautorin Irene Margil hat Hunderte von Schullesungen durchgeführt und gibt in diesem Hardcover ihre besten Ratschläge weiter – zu Textauswahl und -aufbereitung; zur Vorbereitung des Vorlesens mit stimmbildenden Zungenbrechern und Sprechübungen und zur konkreten Vorbereitung am Vorleseort. Und wenn es dann ernst wird, sind ihre Tipps gegen Lampenfieber und zum Umgang mit dem Publikum allen eine Hilfe, die sich mit einem Text auf eine Bühne (und sei sie auch noch so klein) stellen!