Voll schleimig
Falls Sie das nächste Mal auf einer lahmen Party sind, probieren Sie mal diese Strategie: Beginnen Sie ein Gespräch über Nacktschnecken. Sagen Sie etwas Wertschätzendes über sie. Erstaunlich, was dann aus den Menschen alles so herausbricht. Kaum eine Gruppe des Tierreichs ist so unpopulär und gleichzeitig so bekannt wie die der landlebenden Nacktschnecken. Alle, und vor allem die Menschen mit Salatbeet, haben eine Meinung zu diesen unbehausten Wesen. Meist vernichtend negativ, immer hoch emotional, leider fast nie faktenbasiert. Oder wussten Sie, dass Schnecken durch ein Loch in der Seite atmen? Na also.
2012 hat die Zeichnerin Elise Gravel in Montréal der Nacktschnecke ein Buch gewidmet. Jetzt ist es im Berliner Kraus Verlag erschienen. Das ist immer noch schneller, als eine Schnecke läuft. Sie würde in 14 Jahren grad mal von Hamburg nach München kommen - rein rechnerisch. Denn so blöd ist ja keine Schnecke, sich so abzuhetzen.
Gravels Buch ist ein sehr lustiger und kruder Schnecken-Sach-Comic, der erste Band einer Reihe mit dem tollen Titel „Eklige Tierchen“. Echte Malakolog:innen (Schneckenforscher:innen) schütteln jetzt natürlich den Kopf und sagen ernst, dass es ja gar keine ekligen Tiere gibt. Aber wir sind hier im Kinderbuchbereich und da darf es auch mal ein bisschen biologisch unkorrekt zugehen. Und erfreulicherweise funktioniert „Die Nacktschnecke“ durchaus als Biobuch! Auf jeder Doppelseite gibt es genau eine handfeste Information, dazu kommt auch die Schnecke selbst zu Wort. Taxonomie, Körperbau, Fortbewegung, Ernährung, Fortpflanzung und ökologische Bedeutung: All das wird hier behandelt, mit genau genug Text, lustigen Zeichnungen und immer noch viel Platz auf der Seite. Ein tolles Buch für junge Naturforschende, die gerade das Lesen lieben lernen, und für Erwachsene, die endlich die Schnecken lieben lernen (wollen/müssen). Denn, gute Nachricht: In dem Maße, wie das Wissen wächst, schwindet der Ekel. Funktioniert in allen Lebensaltern. Gravels Buch ist in hohem Maße nacktschneckentherapeutisch. Am besten also gemeinsam lesen, lachen und dann nach draußen gehen und … na klar: Nacktschnecken beim Salatfressen stören und ihnen Komplimente machen.
Übrigens: Fürs kommende Jahr plant der Verlag ein Buch über Kröten. Die trauen sich was bei Kraus. Merken Sie sich das für die nächste Party vor!
Besprochen von: Annette Huber